Das weitläufige Innere des "Palais Ombre Calcule" wurde durch unzählige schlanke Kerzen in den Farben des Perlmutt erleuchtet. Tausende echter Perlen verzierten die vielen zierlichen Tische, um die man sich zum small and silent talk versammelt hatte. Auf der riesigen mit dem teuersten Marmor ausgelegten Terrasse spielten die weltbesten Musiker ihre beschwingten Melodien und verlockten den einen oder anderen Gast zu einem frühen Tänzchen.
Wo aber war die Gastgeberin? Keiner hatte sie heute gesehen. Aber das kannte diese Gesellschaft ja schon. So machten sie es selbst ja auch: die Gäste schön lange warten lassen, um dann mit großem Getöse und Trara - unter Zuhilfenahme diverser Paparazzi und deren Blitzlichtgewitter zu erscheinen. Und genau so hatte es sich Principessa Donna Luisa auch vorgestellt. Sie wählte dieses Mal nicht eine giftgrüne malaiische Riesengespenstschrecke, sondern entschied sich für die ihrer heutigen Meinung nach ultimative Extravaganz. Ein Ding, das niemand ihrer Gäste jemals zuvor gesehen, geschweige denn berührt hatte. Ein total futuristisches Teil. Gigantisch. Rot. Und vor Kraft strotzend.
"Madame, er ist angerichtet", säuselte ein schleimender Grottenmolch. Tänzelnd schob er sich vor Donna Luisa, stieß mit einer unglaublichen Leichtigkeit die schweren Ebenholzdoppeltüren auf und wischte dabei gleichzeitig mit seinem molchigen Hintern die für Außenstehende nicht mehr erkennbare Mistralhitze zur Seite. Principessa Donna Luisa hatte sich einen ganz leichten Seidenschal in den Farben des Südpazifiks um die schmalen Schultern geworfen und begann nun über die bereitstehende vergoldete Aluminiumleiter den Aufstieg. Nach der vierten Stufe hatte sie den Thron erreicht, nahm Platz, strich die Frisur glatt und richtete sich auf. Die Pfoten krallten sich voller Erwartung in die Armlehnen. Dann, auf ihr kurzes Signal hin, wurde der Turbo gezündet. Nein, nein, da qualmte und ratterte nichts. Nur ein feines Vibrieren der sie umgebenden Luft war zu spüren.
"Madame, der Sicherheitsgurt, bitte!"
Grotti bestand darauf, auch wenn es nicht so wirklich gut aussah.
"Sicherheit muss sein, selbst oder gerade im eigenen Heim! Da müssen Sie Vorbild sein und Haltung bewahren!"
Oh, Gott, auch das noch! Sie hatte insgeheim gehofft, dass der Lakai über diesen Aspekt hinwegsehen würde. Aber nein! Sie musste sich von diesem Schleim auch noch belehren lassen! Im eigenen Palais! Hoffentlich hatte niemand der Gäste diese Szene mitbekommen! Es wäre geradezu katastrofal!
Die Principessa überließ heute nichts dem Zufall. Der Lakai Grotti hat die volle Verantwortung. Für sie und für dieses "Donner Doria". Er hat den Joystick. Aber sie gibt die orders. Ein kurzes Nicken - die Beleuchtung im Palais wird herunter gefahren, nur die Kerzen verbreiten noch ein fahles Licht. Die kleine rechte Kralle heben - das Monster setzt sich in Bewegung. Das Ohr aufstellen - die Spotlights flammen auf und beleuchten die breite Marmortreppe, welche die Privatgemächer mit den Salons verbinden. Wechselnde Farben, erst langsam, dann immer schneller, zum Schluss im Dauerstakkato. Ihr Kopf schnellt zurück - alle Lichter erlöschen - der dreimalige dumpfe Schlag eines Krokodilschwanzes lässt alle Anwesenden erschauern. In tiefem furchterregendem Ton der Satz: "Mesdames, Messieurs! Voila, Principessa Donna Luisa !"
Die Spotslights rasen wie wild an den Wänden entlang, um schlussendlich in gleißendem Weiß zu enden. Und mittendrin die Gastgeberin mit ihrem Donner Doria. Einem blutroten Turboding.
Ganz sachte gleitet das Teil mit ihr hinunter, dreht sich wie von Geisterhänden geführt, zwei ein halb mal um die eigene Achse. Bleibt stehen. Die Versammlung hat ehrfurchtsvoll die Mitte des Salons geräumt. Leise erstirbt die letzte Vibration. Die Gastgeberin erhebt sich von ihrem Thron, lächelt nach allen Seiten, hebt hier und dorthin die Pfote, nickt leicht, fast schon überheblich. Aber das finden nur ganz wenige, die weit hinten in den Reihen stehen und mit offenen Mäulern staunen. Denn so etwas hat die Tierwelt noch nicht gesehen. Donna Luisa wird zugeprostet, man reicht ihr einen Kelch mit reinstem kühlen Wasser aus der Oase Farafra im fernen Ägypten. Sie nippt kurz daran. Um gleich danach, leicht wie eine Feder, vom Monster abzusteigen und sich unter ihre Gästeschar zu mischen. Nun drängen sich alle um dieses "Donna Doria", versuchen es zu berühren, zuerst sehr zaghaft, dann finden immer mehr Gäste den Mut, auch mal aufzusteigen. Aber niemand findet den Anlasser. Oder Motor. Sie sehen nur die zwei riesigen Räder auf beiden Seiten, die breitovale bauchigrunde glutrote Form verführt zum Liebkosen.
Und oben im Dunkeln steht der Lakai mit dem Joystick und wartet auf die weiteren Anweisungen seiner Herrin.
Und da es, wie auch bei den Menschen, immer wieder Typen gibt, die meinen, gleich den Dingen technisch auf den Grund gehen zu müssen, vielleicht sogar noch einen Neuner-Schraubenschlüssel, aber doch wenigstens einen Minischraubenzieher aus der Jackentasche zu zaubern, gibt Donna Luisa ein fast unmerkliches Zeichen in die Dunkelheit hinauf. Ein ungeheuerliches, grauenvolles Dröhnen erschüttert die Anwesenden, lässt sie erschrocken zurückweichen, Angstschauer reiten durch die Körper, Gläser fallen zu Boden und zerbersten in Millionen kleinster Partikel, verteilen sich über den Marmor. Werden von den Wänden zurückgeworfen. Das Ding leuchtet und stampft, es scheint, sich aus seinen Fesseln befreien zu wollen, es bricht nach links, nach rechts aus, rast nach vorne, um in der gleichen Sekunde wieder umzudrehen.
Und oben im Dunkeln steht der Lakai mit dem Joystick.
Er blickt zu Principessa Donna Luisa, sie hebt leicht verstohlen den Blick nach oben - und sie lächeln beide.

Sollten Sie, geneigter Leser, also einmal so einem Monster begegnen, haben Sie keine Angst davor. Seien Sie so mutig wie die Gesellschaft in der Sommerresidenz in Südfrankreich. Gehen Sie darauf zu, umkreisen sie das Ding. Es wird Ihnen nichts tun. Auch habe ich schon von Einigen gehört, dass sie damit "Schlittenfahren". Es ist zwar ferngesteuert, aber es hat Knöpfe. Einen zum Ein- und Ausschalten und den anderen für - das Elektrokabel.
Denn nur in der Fantasie gibt es bereits die "Ferngesteuerten". Im Hier und Jetzt, in Ihrer Umgebung, Ihrem Zuhause, handelt es sich nur um - Donna Doria, den feuerroten Staubsauger.