So stolperte ich von Stein zu Stein, von Baumstumpf zu Baumstumpf, rutschte oft aus, schrammte an einigen scheinbar frisch geschlagenen harten braungrünen Ästen entlang und erreichte nach einiger Zeit die höchste sichtbare Erhebung. Und? Konnte ich jemanden fragen? Sah es auf der anderen Seite besser aus? Weder noch. Das gleiche Chaos wie beim Anstieg. Nur dass in weiter Ferne irgendetwas blitzte und ein scharfer Song zwischen den Bäumen waberte. Dort musste ich hin. Dort erhoffte ich mir Hilfe.

Und bevor mich mein eigenes Aussehen erschreckte, begann ich mit dem gefährlichen Abstieg. Immer mal wieder hob ich meinen Kopf und fixierte dieses Glitzern und Blitzern. Da! Da war doch was! Was war da? Ich hatte "es" doch ganz klar gesehen. Ssssss, weg war es. Da! Da war es wieder, dieses Sssss! Ein ganz leichter Luftzug umschmeichelte mich. Und wieder dieses Ssssss. Dann plötzlich, wie aus dem Nichts, hörte ich eine ganz zarte Melodie, eine wunderschöne feine und liebliche Musik, fast elfenhaft. Und diese Melodie lockte mich auf einen nicht erkennbaren Pfad, der durch das Dickicht geschlagen war, immer weiter. Die Musik ließ meine angstvollen Gedanken verschwinden. Brachte mich auf gute Gedanken und machte mich fröhlich. Ließ mich Visionen und Tagträume sehen, zeigte mir magische Momente und eine friedliche Welt, ließen vor mir Illusionen aufleuchten und lehrte mich das Echo der Natur. Wo würde mich wohl dieser Klang hinführen?

Ich ließ mich gleiten, ließ mich leiten, war eigentlich gar nicht mehr ich selbst, war nur noch die reine Seele. Ließ mich treiben. Und je näher ich dem Glitzern kam, umso stärker umhüllte mich ein liebevolles Leuchten, das von Schritt zu Schritt wunderbarer wurde. Ja, so musste es wohl sein, wenn eine Seele in die nächste Dimension ging.

Und ich erreichte mein Ziel. Es schien der Zaubergarten zu sein, der vor dem Gebiet der Regenbogenbrücke liegt und in den jedes Lebewesen eintreten darf und ihn auch wieder verlassen kann. Es soll der Seele eigentlich nur kurz die Möglichkeit geben, hinüber in die Unendlichkeit zu sehen. Meist bekommen die Lebewesen diese Ausblicke, kurz bevor sie endgültig unsere Welt verlassen. Und nur ganz wenigen Lebenden wird dieser Anblick gewährt. So auch mir. Und ich wusste in diesem Moment, dass ich zurückkehren durfte. Dass meine Zeit noch nicht gekommen war.

Rechts und links vom Eingang zum Zaubergarten ruhten in saftigem schrillgrünem Gras zwei Einhörner. Nur ab und zu öffneten sie ihre Augen, um kurz danach wieder weiter zu dösen. Um sie herum sprangen, nein, eigentlich schwebten einige der süßesten Elfen, die mir je begegnet waren. Ich und Elfen - an solche Geschöpfe hatte ich bis jetzt noch nie geglaubt. Sie hatten sich mir aber auch noch nie so richtig greifbar gezeigt. Da war ein Kichern und feines Lachen in der Luft, ein Sirren und Surren, ein Pfeifen - und da hörte ich wieder diese Engelsmusik. Die Visionen meines dritten Auges hatten sich in Realität verwandelt. Goldene Schmetterlinge und Vögel in schillerndem Federkleid huschten an mir vorbei. Und die Erde wurde friedlich.

"Komm, Du Mutiger, berühre nur leicht dieses Tor vor Dir und Du kannst auf der anderen Seite den Zaubergarten sehen", wisperten die Elfen. Sollte ich das wirklich tun? Das Tor schien sehr robust zu sein und würde bestimmt nicht nur durch eine Berührung zu öffnen sein. Noch blieb ich unschlüssig stehen. "Versuch' es, Du kannst das Tor öffnen. Nur zu, hab' Mut!"

Also, gut, dachte ich, viel kann ja nicht passieren. Wenn das Tor zu bleibt, habe ich es dennoch versucht und kann später von meinem Kampf mit dem Untier vor dem Eingang erzählen. So trat ich zwischen den Einhörnern hindurch und berührte ganz sanft, meinem Gemüt entsprechend, das alte graue Holz. Und wie von Geisterhand begann sich das Tor leise zu öffnen. "Danke, dass Du den Mut hattest, mir zu helfen." Ich drehte mich um, aber die Elfen und die Einhörner waren nicht mehr da. Hatte ich schon Hallus? Wegen Futter- und Flüssigkeitsmangel? "Ich danke Dir, dass Du mir eben geholfen hast. Tritt nun ein und lass es Dir gut gehen." Wieder diese liebevolle Stimme. Da niemand um mich herum war, konnte es eigentlich nur das Tor sein, das da mit mir gesprochen hatte. Aber konnten alte und verwitterte Holztüren überhaupt sprechen? So richtig in meiner Sprache? Es war ja nicht der Dornbusch, es war der Eingang zu einem Zaubergarten. Ich hätte noch lange darüber nachdenken können, aber meine Neugier trieb mich weiter. So gelangte ich nun in eine ganz andere Welt. In eine Welt des Zaubers und Verzaubertseins. Es schien, als ob hier auch die Luft duftender, die Tageswärme angenehmer sei. Ich schaute mich um und sah - einen schwarzen großen Raben.

"Auf Dich habe ich schon lange gewartet. Gut, dass Du endlich den Weg hierher gefunden hast", schnarrte er und zwinkerte mir mit einem Auge lustig zu. "Sagst Du mir Deinen Namen?", fragte ich ganz vorsichtig. Man konnte ja nie wissen, bei diesen schwarzen scharfen Schnäbeln. "Meinen richtigen Name kennt nur der dort oben". Er hob die linke Flügelspitze und zeigte damit in den Himmel. "Aber hier im Zaubergarten lasse ich mich sehr gerne Lukas rufen, kraah, kraah!" Und Lukas plauderte noch so einiges, mehr leise als laut, eigentlich sprach er jetzt mit sich selbst. Nach einiger Zeit schaute er sich leicht verwundert um. "Du bist ja immer noch da! Soll ich Dir mein Reich zeigen?"

"Oh ja, sehr gerne," antwortete ich dem Schwarzen und er kam zu mir, hüpfte vor mir her, hob mal den rechten, mal den linken Flügel, zeigte mit dem Schnabel hierhin und dorthin und sprach in melodischen Sätzen. "Das sind Schneckenhausketten. Natürlich leer. Die Schnecken sind umgezogen. Haben jetzt Luxushäuschen, kraah. Die Ketten halten böse Geister fern, das Klackern erinnert an gebleichte Knochen, kraah. Und das hier ist ein blaublitzendes Riesenschneckenhaus. Da war aber nie eine drin. Das ist nur für mich da, denn ich liebe Blitzendes und Funkelndes, kraah. Und dort drüben ein Glockenspiel - immer wenn ein feiner Windhauch zu Besuch kommt, glaubt man, eine Schafherde mit vielen kleinen Glocken käme durch den Wald und über den Berg, kraah. Die Glaskugeln, der große blaue Topf und die knorrige tausendjährige Steineiche stellen die Unendlichkeit dar, kraah kraah. Dazu kommt noch diese Wasserschale, die in der Luft schwebt und meinen gefiederten Freunden ewig taufrisches Quellwasser bietet, kraah. Dort hinten in der letzten Ecke des Zaubergartens steht ein silberner Eimer, mit dem wir negative Gedanken sammeln und diese dann tief im siebten Tal unter einem großen Felsbrocken vergraben, kraah kraah. Und schau, kraah, dort weht eine rote zerzauste Gebetsfahne. Ich brachte sie eines Tages von meiner Reise nach Nepal mit. Du wunderst Dich, dass ich so weit gereist bin? Ja, ich flog nach Nepal zu den Klöstern und den heiligen Stätten und dort schenkte mir ein kleiner Junge diese Fahne. Eigentlich nur ein eingerissenes rotes Tuch. Aber ein heiliges Tuch. Ich brachte es hierher und so zeigt es dem Menschen wie dem Tier, dass hier etwas ganz Besonderes ist. Nicht ein Kloster. Aber fast so. Verstehst Du, was ich damit meine? Kraaaah, kraaaah!"

Wauh, dachte ich so bei mir. Ich bin zwar kein Hund, aber da ich kein englisch kann, denke ich mir die Worte in meiner Sprache und dann kommt so ein wauh heraus. Das war mal eine Führung! Und wo der schon überall war! Aber was ist ein Zaubergarten ohne Bewohner? "Ich weiß, was Du jetzt denkst. Also das mit den Bewohnern ist so, dass sie immer erst gegen Abend, so kurz nach Sonnenuntergang erwachen, sich recken und strecken und zu einem kurzen Beisammensein hierher kommen. Dann sind alle bei mir, die Einhörner, von denen es nur noch sehr, sehr wenige gibt, die Elfen und Trolle, den Nöck und die Geister des Waldes und der Wiesen, und der alte zerzauste Fuchs, an dessen Seite ich lebe. Und sie erzählen von ihren Träumen. Und ich berichte über die wenigen Gäste, die tagsüber unseren Zaubergarten entdeckt haben. Und so werde ich heute Abend auch von Dir erzählen. Nein, Du kannst leider nicht dabei sein. Diese Wesen müssen sehr vorsichtig sein und ein Lebewesen aus Fleisch und Blut könnte ihren Tod bedeuten, kraah!"

Der kann sogar Gedanken lesen, wauh, wauh! Und so dachte ich weiter: "Warum ich? Warum konnte gerade ich den Zaubergarten finden? Warum nicht Feldmann oder Luna oder Peterle und Katerle oder Mausi und Dingo oder wie sie sonst noch so heißen. Bin ich denn etwas Besonderes?" "Ja, mein Lieber, Du bist etwas ganz Besonderes. Du hast eine reine Seele und Du kannst verzeihen. Den Menschen, die Dich quälten und auch den Tieren, die Dich hassten. Nur solche alte Seelen erblicken eines Tages unseren Zaubergarten. Nein, keine Angst, hier ist noch nicht das Ende Deines Daseins, Dein Leben beginnt doch erst und Du wirst lange leben, glaub mir. Aber irgendwann einmal in ferner Zukunft werden wir Dich aufsuchen und mit Dir zusammen zur Regenbogenbrücke laufen. Entweder das Füchslein, ich, der Rabe Lukas oder einige der verspielten Elfen. Oder wir alle zusammen. Wir werden Deine tierische Begleitung sein. Kraaaah, kraaaah kraaaah! Und nun schlaf Dich aus!"

Irgendwer schien sich an mein rechtes Bein zu drücken, zu schieben. Ich versuchte, diesen jemand abzuschütteln, aber es gelang mir nicht. Ich erwachte. Und blickte mich um. Ich lag an eine Hauswand gekauert in der Sonne, mir gegenüber war ein kleiner Bauerngarten mit einem alten Eingangstürchen. Ein Kind hatte wohl einmal vor langer Zeit ein Wort in krakeliger Schrift auf ein Brettchen geschrieben: "Zaubergarten". Aber es schien nur ein ganz normales Gärtchen zu sein. Keine Einhörner, keine Elfen, keine bunten Vögel und auch keine goldenen Schmetterlinge konnte ich erkennen. Selbst Lukas, den Raben, fand ich nicht. Oder doch? Auf einem Holzpfosten an der linken Seite saß ein Schwarzgrauer, der den Kopf leicht nach unten hielt, als suchte er etwas. Nein, es war nicht Lukas. Denn der hätte mich angezwinkert. Wo aber war ich hier? Was hatte mich da gedrückt und gekniffen? Da, neben mir lag noch Jemand! Ein Tiger. Nein, natürlich nicht ein echter Tiger, aber eben ein Tiger-Tiger. Und er rührte sich nicht. Er genoss scheinbar auch die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Und er reagierte auch nicht auf meine Gedanken. Er schien sie nicht lesen zu können. Was war denn das nun wieder für einer? Ich tippte ihn an - keine Reaktion. Ich stupste etwas heftiger - eine ganz leise Antwort erreichte mein Hirn.

"Lass mich, ich bin alt. Sehe nichts mehr, bin taub. Also, was willst Du von mir?" "Kennst Du den Zaubergarten?" Tiger hob matt, aber erstaunt, den Kopf. "Du hast ihn gesehen? Wie ist es dort?" "Er liegt Dir gegenüber." "Und Lukas? Und die Engel? Hast Du sie auch gesehen?" "Ja." "Und das alte zerzauste Füchslein?" "Ja, auch die beiden Einhörner." "Dann ist es gut so. Ich werde auf sie warten, bis ich sie erkenne. Danke, dass Du zu mir gekommen bist, mein Freund." Tiger wandte mir langsam den Kopf zu. Ich streichelte sanft seinen Rücken. Ein Zittern durchlief seinen geschwächten Körper. "Danke. Ja, jetzt rufen sie mich!"

"Wie heißt Du?" "Burle." "Wir werden uns wiedersehen, Burle, dort drüben im Zaubergarten, dort beim Regenbogen.
Du brauchst keine Angst zu haben, denn Lukas wird bei Dir sein. Und Du wirst Teil des Zaubergartens werden."

Burles Seele glitt nun sanft aus seiner weltlichen Hülle, schaute sich nochmals um, verabschiedete sich. Die Einhörner begleiteten ihn. Und Lukas, der Rabe aus dem Zaubergarten, flog über ihnen und wies ihnen den Weg.

Den Weg in die nächste Dimension.
-.-