Und Karin, was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, als "er" sie so einfach abgegeben hatte?
Sie hatte sich nur gewundert und gar nichts mehr verstanden. Sie war bisher immer sehr lieb und brav und anspruchslos gewesen, hatte alles gelernt, was "er" von ihr verlangt hatte und war mit "ihm" zufrieden. So wie "er" mit ihr. Und Karin hatte sich auf ein schönes leben an "seiner" Seite gefreut. Sie wollte eine treue Partnerin sein.
Und sie war sich klar darüber, dass, wo immer sie auch auftauchte, einiges Aufsehen erregen würde. Ihren eigentlichen Namen hatte sie ja nicht von "ihm".
Ihre Vorfahren und das waren eine ganze Menge, und damit ihr Stammbaum reichte bis ins Jahr 206 v.Chr. zurück. Also ganz schön weit in die Vergangenheit.
Das konnte nicht jeder von sich behaupten. Und Karin war nun auch selbst noch etwas ganz besonderes, denn ihr Gesicht hatte den blassen Teint einer Aristokratin;
nicht dieses grau-schwarz der Gosse. In ihrer Gesamtheit war Karin nicht einfach Karin, sie stellte eine Persönlichkeit dar. Eben eine besondere Persönlichkeit.

Und deshalb wollte "er" sie wohl nicht mehr haben, fühlte sich klein neben ihr. Und deshalb hatte er sich von ihr getrennt, hatte sich entschieden, sie nie mehr sehen zu wollen. Nie mehr.
Und Karin? Karin wurde zuerst untersucht von Menschen in weißen Kitteln, dann kam die Quarantäne. Soweit war alles in trockenen Tüchern.
Sie verstand diese neue Situation zwar nicht, zumal sie die Prozedur schon vor längerem mehrfach hatte über sich ergehen lassen.
Nach der Eingewöhnungszeit - man wollte ihr über den Trennungsschmerz hinweg helfen - lernte sie irgendwann die restliche Welt kennen.
Jeder, der sie sah, war entzückt und beeindruckt und hielt einen gewissen Abstand. Wer einen solchen langen Stammbaum hat, der ist schon was ganz Besonderes.
"Whow, wo kommst Du denn jetzt her?", fragte ein ganz schwarzer Kleiner. Er war schon immer sehr neugierig gewesen. Warum auch nicht dieses Mal.
"Du, ich komme aus Frankfurt! Hab da mit so'nem abgefahrenen Typ zusammen in einer Luxushütte gelebt. Ganz oben über allen Dächern. Überall Glas.
Ich sah die Sonne morgens aufgehen, lag mittags in ihren warmen Strahlen und genoss abends ihre Abreise. So konnte ich auch die Wolken, den Mond, den Regen und den Zug der Wildgänse verfolgen.
Verstehst Du, was ich damit meine?" Karin war sich nicht so sicher, ob er es wirklich verstanden hatte.
"Dann bist Du ja ein Überflieger! Ein Vogel ohne Flügel! Die Sanftmut in Person! Ja, gibt's denn so was noch?". Kleiner schwarzer hießt natürlich nicht so, man hatte ihn auf den Namen Theodor getauft.
Theodor also konnte sich das, was Karin gerade erzählt hatte, richtig vorstellen. "Und, sag mal, hast Du auch einen echten Baum gehabt? So zum Schmusen und dran riechen und so?"
"Leider nein, dafür durfte ich immer mit einem Expressaufzug tausend Stockwerke runtersausen, meine Geschäfte erledigen. Und später in Begleitung, natürlich nur in Begleitung wieder nach oben sausen."
"Du meinst wohl, Deine Begleitung war ein Bottykart? So was mit breiten Schultern, dicken Muckis und schwarzer Sonnenbrille?"
Theodor kannte solche Typen, er war ein Krimifan und kannte viele Actionfilme. "Na, so was ähnliches". Karin wurde Theodor nun zu aufdringlich und sie wandte sich ab.
Mal sehen, ob sich noch andere neue Bekanntschaften schließen ließen. Drüben in der hintersten Ecke räkelte sich ein kleines Bündelchen Leben. Es sah so traurig aus seinen schwarzen Knopfaugen.
"Und Du, was hast Du für eine Geschichte für mich?", fragte Karin. "Du meinst mich, mich kleinen Wicht, Du hast mich beobachtet und erkannt? Das hätte ich nicht erwartet. Aber nun gut. Ich fühle mich in Deiner Gesellschaft zwar recht wohl,
allerdings solltest Du wissen, dass ich ein sehr Unabhängiger bin. Ich bin ein Spanier und lebte bisher mehr schlecht als recht auf Gran Canaria. Das ist eine Insel im Atlantik.
Ich schleimte mich so durch, so gut es ging. Da gibt es gutes Essen und leckeren Fisch. Aber auch sehr viel Neid und Hass. Und eines Tages hat mich Jemand geschnappt und mit hierher gebracht.
Jetzt bin ich gespannt, was das Leben noch an Überraschungen für mich vorgesehen hat. Und Du?" Das kleine weiße Bündelchen hatte sich in der Zwischenzeit in eine ganze Schönheit verwandelt
und war zu einer lebenden weißen Wolke geworden. Eine Zuckerwolke, wie Karin befand. "Du, weißt Du, ich bin hier ja nur so auf'n Sprung.
Schaute mal hierhin, mal dorthin. Man soll sich ja auch bilden in seinem Leben. Das bietet sich bei diesem Besuch bei Euch allen hier ja sehr an."
Wo blieb "er" eigentlich so lange? Nein, diese Gedanken musste Karin endgültig beiseite schieben, sie spürte, dass das Leben noch etwas viel Schöneres mit ihr vorhatte
und freute sich schon insgeheim darauf. Nur zeigen durfte sie ihre Freude nicht nach außen. Die Anderen wären nur neidisch geworden.

Nach wenigen Tagen in diesem kleinen lustigen Hotel - Karin wollte keine negativen Gedanken zulassen - erschien ihr ein Engel. Ein Engel? Ja, etwas anderes konnte es nicht sein!
Also, ein Engel kam zu ihr und schaute ihr tief in ihre Augen. "Du bist also Karin! Wie schön! Du bist genau die Richtige!" Drehte sich um und ließ eine total verdutzte kleine Seele stehen.
"Na, du kleine Süße, willst Du nicht mitkommen? Ich dachte, Du bist so gut erzogen, na?" Der Engel sah sich nach ihr um, sprach mit ihr! Wenn Karin nicht schon gesessen hätte,
wäre sie vor lauter Überraschung umgekippt. Na ja, nicht so primitiv mit Ohnmacht und so.
Und Karin folgte dem Engel, immer schön einen halben Schritt hinter ihm, denn Engeln darf man nicht vorauseilen. Das bringt Unglück, hatte mal ihre Mutter hinter vorgehaltener Hand geflüstert.
"Lieber Engel, bitte, bitte, wohin gehst Du mit mir? Ist es etwa schon Zeit für mich, hinüber zur Regenbogenbrücke zu wechseln?", fragte Karin ganz leise, nur um den Engel nicht zu erzürnen.
"Regenbogenland? Was denkst Du? Dafür bist Du doch noch viel zu jung, obwohl, lass mich schnell noch in meinem dicken Lebensbuch nachsehen. Nein, da stehst Du für heute nicht drin.
Und auch für die nächste Zeit nicht. Und wie ich sehe, auch nicht für die nächsten Jahre. Also, keine Trübsal blasen, kleine Karin, sondern freue Dich, ich muss dafür sorgen,
dass Du zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle bist. Alles andere ist schon geklärt. Du brauchst dann nur noch loszulaufen und wirst es schon sehen."
Engel winkte Karin, ihm zu folgen. Und Karin folgte. Wie immer. Aufs Wort.So lief Karin durch viele Gänge und Flure, nahm diesmal nicht den Aufzug (den es hier gar nicht gab)
und erreichte zusammen mit Engel den so genannten Lobby-Bereich. "So, meine Hübsche, hier ist meine Begleitung für diesmal zu Ende, mach' was aus Deinem Leben! Viel Spaß!"
Engel gab Karin noch einen Klaps und ssssssssssss verschwand er in der gegenüberliegenden ockerfarbenen Wand.

Karin sah sich verdutzt um, lief weiter bis sie mit etwas Größerem, aber weichem zusammenstieß.
"Hallo, wer bist Du denn?"
"Ich bin Karin und soll hierher kommen, mehr weiß ich auch nicht. Übrigens Du fühlst Dich gut an, hast so weiche Haut!"
"So so, und wer hat Dich hergebracht?"
"Das war mein Schutzengel!", dachte Karin.
"Aha, und einen Schutzengel hast Du auch!" Das Bein kniete sich zu Karin herab und Karin konnte ihr Glück nicht fassen. Der Engel war Wirklichkeit geworden und dem Engel schien sie zu gefallen.

"Und was jetzt?", wollte Karin wissen.
"Jetzt lasse ich Deine Papiere fertig machen und nehme Dich einfach mit zu mir nach Hause. Einverstanden?"
Einverstanden, dachte Karin. Wo immer Du mich auch hin nimmst, bin ich einverstanden. Denn etwas schöneres, als Dich werde ich in meinem Leben nicht mehr finden. Und außerdem:
Du, Sabine, bist mein Engel, mein Schutzengel.
Und ich, Karin, bin Deine Beschützerin, Dein Shar Pei.
-.-