Klytämnestra war die Hüterin, die Wächterin des Eingangstores zur Burg- und Stadtruine. Das riesige Eingangstor mit den beiden Löwen oben drauf. Aus Stein natürlich. Aber sehr grimmig und abwehrend.

"Na, Penelope, jetzt um diese Zeit schon hier oben?"
"Tja, ich muss mich wohl sehr gesputet haben - so wie ich in Gedanken war!"
"Du machst Dir Gedanken? Worüber? Und weshalb?"
"So über das Leben allgemein und was ich vielleicht noch alles erleben werde oder auch nicht."
"Na, sind das vielleicht nicht viel zu viele Gedanken? - Ach, übrigens, hast Du das Eintrittsticket heute endlich dabei?" "Ich habe mir ein Jahresticket besorgt, ätsch!"

"Kluge Lopi, sehr klug und weise. Viel Spaß in der Stadt und denk dran, wenn die Sonne hinter dem Hügel dort versinkt, schließe ich das Löwentor und öffne es erst morgen früh wieder!"

Stell Dich doch nicht so überklug an, dachte Penelope. Nur weil Du Torwächterin bist, glaubst Du, Alle müssten nach Deiner Pfeife tanzen. Pfeife? Was ist Pfeife?

Irgendwer hat mal vor langer Zeit davon gesprochen, aber wer und wann? Was soll`s und übrigens, wenn das Tor zu ist, drücke ich mich - schlank wie ich nun mal bin - drunter durch. Da kann die Wächterin nichts machen.

Geschwind lief Penelope die restlichen Serpentinen hinauf zu ihrer Stadt, denn hier oben fand an diesem Tage das übliche Vereinstreffen statt. Von überall her wollten ihre Freunde und Verwandten kommen, sich Geschichten und Märchen am Ende des großen Platzes erzählen. Von dort konnten alle über "ihre" Welt schauen, jeden Acker, jeden Baum, jeden Busch, jedes Gebäude, bis hin zum Horizont und darüber hinaus.

Jawohl, über den Horizont hinaus. Das konnte auch Penelope.
Sie wusste genau, was sich dahinter verbarg, sie war schon vor langer Zeit dort gewesen, hatte alles gesehen, bewundert und war erschrocken über soviel Lärm und Gestank so schnell wie möglich wieder hinterher in ihre gemütliche Umgebung und Ruhe zurückgekehrt.

Ja, ja, der Horizont, die weite Welt....

"Aber holla, wer steht denn da und qualmt vor lauter Denken?
Schau her, meine liebe Lopi, wer die ganzen Jahr an Dich gedacht hat!"

"Wie, was, wer, das kann ja garnicht wahr sein, Du bist es wirklich? Andromeda?"

"Ja, meine Liebe und meine beiden jüngeren Schwester habe ich diesmal auch mitgebracht. Kannst Du Dich noch an sie erinnern?"

"Natürlich, die Jüngste heißt Pelopeia und die mittlere Achaia!"

"Sehr klug, sehr klug und weise und noch kein bisschen vergesslich."
"Also wirklich, Andromeda, was hälst Du denn von mir!", sagte Penelope und umarmte alle drei nacheinander herzlich und auf ihre ganze besondere Art.
"Und wen habt ihr noch so mitgebracht?", fragte sie weiter.
"Du, so viele sind es garnicht mehr, es ist halt schon recht heiß um diese Jahreszeit und viele unserer Mitstreiterinnen hatten die Kraft nicht mehr, aber um so mehr lassen sie Dich alle ganz herzlich grüßen!"

"Es tut so gut, Euch wieder zu sehen! Wir sind hier auch nicht mehr so viele wie früher, wir müssen alle sehr vorsichtig sein und zu Stein werden, sobald SIE kommen."
"Ja, ja, so ist diese Welt heute! Wir können kaum noch die milden Winde, die sanft wogenden Wildblumen im Feld, die lustigen bunten Schmetterlinge, die lauen Abende des Peloponnes genießen - immer öfter sind SIE schon da gewesen, haben alles zertrampelt, abgerissen, zerstört.

Und in letzter Zeit nehmen SIE auch immer öfter eine aus unseren Reihen einfach mit!"
"Welch grausames Spiel SIE mit uns treiben! Aber wenigstens für heute fegen wir die trüben Gedanken einmal weg, werfen sie hinunter, weit weg von uns. Lass uns wenigstens heute froh und glücklich sein, der Alltag kommt spätestens dann wieder, wenn Klytemnestra lauthals schreit:
"Die Nacht bricht herein, die Sonne geht, das Tor ist zu, ich geh jetzt auch!"
"Aber sonst geht es Euch allen gut? Habt auch noch genügend für den Magen?
Saftig und sauberes Wasser?" "Natürlich, sonst wären wir doch nicht hier! Lass uns tanzen, trinken und essen bis der Mond aufgeht, nur so sind wir alle wirklich glücklich, wie schon vor hundert Jahren und Monden.
Sie bildeten einen Kreis, in dessen Mitte die Zikaden ein wunderschönes Lied anstimmten, fassten sich an den "Händen" und begannen "Ihren" Tanz. Immer im Kreis, immer schneller. Bis eine von ihnen aus der Reihe ausscherte und zum Adler wurde, den Adltertanz, so wie er schon vor tausend Jahren getanzt wurde. Um die Tanzenden herum wogten die Libellen und fächelten den heissen Körpern kühle Luft zu, und über ihnen jubilierten die Lerchen und fielen in die Musik mit ein.
Nachdem alle ermattet zu Boden gesunken waren, kamen die kleinen Dienstboten und brachten allerlei Leckereien, Salat, im Mondlich gemähtes taufrisches Gras, und herrliches kühles Wasser.

Später, gegen Abend hin, kam ein Grill mit seiner Lyra und spielte traurig schaurige Lieder, später wurde der Platz von vielen tausend kleiner Lämpchen erhellt. Es war ein rauschendes Fest, wie es wirklich nur alle paar Jahrzehnte vorkam. Selbst zu sehr später Stunde kam noch die überhebliche Klytämnestra und bot den Tanz der Wächter dar.

Ermattet ließen sich die Freunde fallen, tranken noch einige Schlückchen und machten sich mit Hilfe der Glühwürmchen auf den langen und beschwerlichen Heimweg.

Penelope begleitete den Zug, bis alle ihr Heim erreichten und umarmte nochmals alle lieben und guten alten Freunde.
"Wollte Ihr noch auf einen kleinen Stärkungstrunk bei mir einkehren?" frage leise Penelope.

"Das ist sehr lieb von Dir, danke. Aber wir haben ja noch einen recht langen und dunklen Weg vor uns. Vielleicht beim nächsten Mal", Andromeda schob die beiden beschwipsten Schwestern Richtung Dorfausgang.

"Sehen wir uns wieder?"
"Natürlich, wir sind doch noch so jung, erst hundertzweiundvierzig!!"
Und Penelope? Wer war sie eigentlich?

Penelope war und ist die dreihundert-, nein jetzt schon dreihundertundeinjährige Schildkröte von Mykene auf dem Peloponnes."